Winziger Gesteinsbrocken aus dem All könnte unser Leben erklären

Winziger Gesteinsbrocken aus dem All könnte unser Leben erklären

Japanische Forschende haben Staub von einem unscheinbaren Himmelskörper untersucht, der 300 Millionen Kilometer von der Erde entfernt liegt. In diesem Material steckt eine chemische Kombination, die so direkt mit dem Entstehen von Leben verbunden ist, dass manche Fachleute von einer „kosmischen Lieferung“ sprechen. Und die neuen Daten passen verblüffend gut zu einer seit Jahren diskutierten Theorie.

Uralte Zeitkapsel: Was macht Ryugu so besonders?

Die Planetoide Ryugu ist kein spektakulärer Planet, kein strahlender Stern, sondern ein dunkler, eher hässlicher Brocken. Etwa 900 Meter groß, grob diamantförmig, die Oberfläche wirkt wie ein Haufen locker geschüttetes Geröll. Doch genau dieser unscheinbare Haufen ist ein Schatz für die Forschung.

Ryugu gehört zu den ältesten Objekten im Sonnensystem. Sein Material entstand, als sich aus Staub und Gas die ersten Bausteine von Planeten bildeten. Seit Milliarden Jahren hat auf diesem Gestein kaum etwas stattgefunden: keine Erosion, kein Regen, kein Vulkanismus. Für Forschende ist Ryugu damit eine Art Tiefkühltruhe aus der Frühzeit des Sonnensystems.

2014 startete Japan die Raumsonde Hayabusa2. Ihr Auftrag: Ryugu anfliegen, auf der Oberfläche landen, Gestein aufsammeln und sicher zur Erde zurückbringen. Die Sonde legte eine Reise von rund 300 Millionen Kilometern zurück, landete gleich zweimal auf der Oberfläche und schoss dabei Mini-Projektile ins Material, um frische Körner freizulegen.

2020 traf eine kleine Kapsel mit den Proben in einer Wüste Australiens ein. Der Inhalt: zwei winzige Portionen Staub und Gestein von jeweils nur 5,4 Gramm – kaum mehr als ein Teelöffel voller Körner. Trotzdem galt schon damals: Diese paar Gramm könnten unser Verständnis von Leben auf den Kopf stellen.

Ryugu ist eine uralte, nahezu unveränderte Zeitkapsel. Wer ihn untersucht, blickt Milliarden Jahre in die Vergangenheit unseres Sonnensystems.

Fünf „Buchstaben“ des Lebens im All gefunden

Im Zentrum der neuen Analyse stehen Moleküle, die jeder aus dem Biologieunterricht kennt: die Bausteine von DNA und RNA. Sie heißen nucleobasen und fungieren als „Buchstaben“ unseres genetischen Codes. Wer einen Organismus beschreiben will, schreibt im Grunde nur lange Ketten aus fünf solchen chemischen Zeichen auf.

Diese fünf Schlüsselbausteine sind:

  • Adenin (A)
  • Cytosin (C)
  • Guanin (G)
  • Thymin (T) – Bestandteil der DNA
  • Uracil (U) – Bestandteil der RNA

In Meteoriten und kosmischem Staub haben Forschende in der Vergangenheit immer wieder einzelne dieser Bausteine oder Fragmente davon gefunden. Doch meist fehlte etwas. Mal war kein Cytosin nachweisbar, mal kein Thymin – oder die Spuren waren so schwach, dass sich Verunreinigungen aus irdischem Material nicht klar ausschließen ließen.

Beim Ryugu-Material sieht das Bild jetzt anders aus. Das Team um Forschende des Japan Agency for Marine-Earth Science and Technology meldet: In den Proben tauchen alle fünf Bausteine auf – Adenin, Cytosin, Guanin, Thymin und Uracil. Und zwar in einem Labor, das speziell dafür ausgelegt ist, irdische Verunreinigungen praktisch auszuschließen.

Die vollständige Palette an DNA- und RNA-Bausteinen in einem einzigen Asteroidenstaub – das ist genau der chemische Werkzeugkasten, den Leben braucht.

Warum Thymin alles noch spannender macht

Besonders überraschend ist der Fund von Thymin. Bisher fand man auf Ryugu vor allem Uracil, was zum Bild passte, dass in der Frühzeit eher einfache RNA-Systeme existierten. RNA gilt vielen Fachleuten als „Ur-Molekül“ des Lebens: Sie kann Informationen speichern, aber auch chemische Reaktionen beschleunigen. Deshalb lag die Vermutung nahe, dass RNA vor der komplexeren DNA entstand.

Der klare Nachweis von Thymin in denselben Proben zeigt nun: Auch typische DNA-Bausteine entstehen offenbar im dunklen, kalten Weltraum. Nicht erst später auf einer warmen, jungen Erde. Offenbar läuft auf glasigen Staubkörnern, beschossen von kosmischer Strahlung, eine unscheinbare organische Chemie ab, die ganze Sets lebensnaher Moleküle erzeugt.

Das passt zu aktuellen Ergebnissen vom Asteroiden Bennu, dessen Proben die NASA-Sonde OSIRIS-REx zur Erde brachte. Auch dort tauchte dieselbe komplette Gruppe von Basen auf. Zwei unterschiedliche Objekte, zwei Missionen, ein Muster: Offensichtlich produziert das Sonnensystem solche Bausteine überall.

Von der Theorie zur plausiblen Geschichte

Lange kursiert die Idee, dass Asteroiden und Kometen nicht nur Wasser, sondern auch organische Moleküle auf die junge Erde gebracht haben. Die neue Studie verleiht dieser Theorie Rückenwind. Die Argumentation der japanischen Gruppe lässt sich grob so zusammenfassen:

  • In frühen Zeiten des Sonnensystems bildeten sich zahlreiche kohlenstoffreiche Asteroiden wie Ryugu und Bennu.
  • In ihrem Material entstanden unter Einwirkung von Strahlung und Eis die Bausteine von DNA und RNA.
  • Ein Teil dieser Brocken kollidierte im Laufe von Milliarden Jahren mit der Erde.
  • Beim Einschlag gelangten die Moleküle in Ozeane, Tümpel oder Poren im Gestein der Urerde.
  • Dort konnten sich schließlich erste selbstreplizierende Systeme und später echtes Leben herausbilden.

Die Forschenden sprechen gern davon, dass Asteroiden eine „chemische Werkzeugkiste“ abgeliefert haben. Die Erde brachte Energie, Wasser und geeignete Oberflächen mit, das All lieferte die Rohstoffe.

Sind wir Kinder kosmischer Versandpakete?

Viele Menschen stellen sich bei „Leben aus dem All“ sofort klassische Science-Fiction vor, mit Raumschiffen und Aliens. Die aktuelle Forschung geht nüchterner vor. Niemand behauptet, dass fertige Organismen vom Himmel gefallen sind. Es geht um etwas Kleineres – aber nicht weniger Bedeutendes.

Wenn die Bausteine von Erbmaterial tatsächlich massenhaft auf Asteroiden entstehen, dann bedeutet das: Unser Sonnensystem ist von Natur aus geneigt, solche Moleküle hervorzubringen. Und die Erde ist möglicherweise nicht der einzige Ort, an dem so etwas landet.

Vielleicht sind wir alle das Produkt einer gewaltigen, kosmischen Streuaktion: Überall dort, wo Wasser, Fels und Zeit zusammenkommen, fallen die Werkzeuge des Lebens vom Himmel.

Die Konsequenz ist weitreichend. Planeten, die ein bisschen an die frühe Erde erinnern, könnten die gleichen Lieferungen erhalten haben. Mögliche Schauplätze wären Eismonde um Gasriesen, junge Gesteinsplaneten um ferne Sterne oder sogar Zwergplaneten mit unterirdischen Ozeanen.

Was diese Ergebnisse für die Suche nach Leben bedeuten

Für die Astrobiologie sind die Ryugu-Proben ein Geschenk. Wer glaubte, dass Leben eine extrem seltene Laune nur dieses einen Planeten ist, muss seine Einschätzung womöglich anpassen. Denn drei wichtige Bedingungen scheinen im Universum gar nicht so exotisch zu sein:

  • Wasser in flüssiger oder zumindest mobiler Form
  • Oberflächen, an denen Moleküle haften und reagieren können (Gestein, Tonminerale, Eis)
  • Regelmäßige Zufuhr organischer Bausteine aus dem All

Findet man auf einem fremden Himmelskörper auch nur zwei dieser drei Punkte, wird die Frage nach möglichem Leben dort plötzlich sehr konkret. Die neue Studie verschiebt den Schwerpunkt: Die Hürde liegt vielleicht weniger in der Chemie als in der Umwelt. Vereinfacht gesagt: Die Zutaten sind offenbar weit verbreitet, die „Küche“ muss nur geeignet sein.

Wie solche Moleküle im All überhaupt entstehen können

Wer noch nie mit Astrochemie zu tun hatte, fragt sich schnell: Wie sollen aus simplem Gas und Staub derart komplexe Moleküle entstehen? Ganz ohne Labor, ohne Reagenzgläser, ohne kontrollierte Bedingungen?

Die Antwort steckt im Zusammenspiel von drei Faktoren:

  • Eisige Oberflächen: Auf Staubkörnern bilden sich hauchdünne Schichten aus gefrorenem Wasser, Kohlendioxid, Methan und Ammoniak.
  • Licht und Strahlung: Ultraviolettes Licht von Sternen und energiereiche Teilchen formen aus diesen Eisschichten neue Molekülkombinationen.
  • Lange Zeiträume: Prozesse, die im Labor Minuten dauern, können im All Millionen Jahre in Zeitlupe ablaufen – mit entsprechend vielen Variationen.

Trifft solches veränderte Material später auf einen Asteroiden oder Kometen, wird es dort eingebaut. In den Poren, Ritzen und Bruchflächen dieser Brocken können sich die Moleküle weiter verändern. Genau solches Material hat Hayabusa2 von Ryugu zur Erde gebracht.

Was die Studie nicht beantwortet – und warum sie trotzdem so wichtig ist

Die Untersuchung, die in Nature Astronomy erschienen ist, löst nicht das Rätsel, wie aus den Bausteinen die ersten Zellen wurden. Die Forscherinnen und Forscher können nicht zeigen, an welchem Ort auf der jungen Erde sich die entscheidenden Schritte abspielten. Auch die genauen Reaktionsketten bleiben offen.

Dennoch markiert das Ergebnis einen Wendepunkt. Die Frage verschiebt sich: Weg von „Woher kamen die Bausteine?“ hin zu „Wie nutzte die Erde sie?“ oder „Wie nutzen andere Himmelskörper sie?“. Die Puzzleteile werden kleiner, aber die Lücke mitten im Bild schrumpft.

Für künftige Missionen zeichnet sich damit ein Kurs ab. Raumsonden, die gezielt Proben von Eismonden oder von anderen Asteroiden holen, können mit speziellen Instrumenten fliegen, die genau nach solchen Basen und ihren Vorläufern suchen. Parallel dazu versuchen Laborteams, diese Prozesse im Kleinen nachzustellen: Sie bestrahlen Eisschichten, simulieren Einschläge, variieren Temperatur und Druck.

Wer verstehen will, wie aus toter Materie lebende Systeme werden, kommt an diesen winzigen Körnern aus dem All nicht mehr vorbei. Ein paar Gramm dunklen Staubs zeigen, dass der Baukasten des Lebens nicht nur auf der Erde entstanden ist. Und sie stellen die vielleicht schlichteste und zugleich größte Frage: Wenn das Universum uns so leicht die Zutaten schenkt – wo sonst sind sie schon zu Rezepten geworden?

Moritz Bauer

Geschrieben von Chefredakteur

Moritz Bauer

Moritz schreibt seit 2018 für Evergreen DE über Lebensstil, Gesundheit und Verbraucher. Datengetriebener Ansatz mit zugänglichem Stil.

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